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Traditionen

in der Kampfkunst



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Immer wieder stellt sich in den Kampfkünsten die Frage nach der Tradition. Mit diesem Oberbegriff werden verschiedene Verhaltensweisen, Rituale und Regeln impliziert. Mancher Kampfkunst betreibende und auch gar mancher Lehrer glauben, dass dies ein Merkmal dafür ist, eine Kunst authentisch, "traditionell" zu erlernen. Aber ist das wirklich so? Gibt es diese "Traditionen" die wir in manchen westlichen Kampfkunstschulen finden in China auch? Gehört dieses Verhalten in chinesischen Kampfkunstschulen zu den normalen Verhaltensweisen? Ist das bei allen chinesischen Kampfkunststilen so, oder gibt es auch da Unterschiede?

Wichtig erscheint mir, dass das Hauptaugenmerk auf der Kunst, dem Stil an sich liegt und auf der Art und Weise wie diese weitergegeben wird. In meinem Stil, dem Wing Chun Kung-Fu, bemühen wir uns vor allem um eine traditionelle Art der Vermittlung. In diesem Zusammenhang spreche ich über die Kung-Fu Linie meines Sifu Lo Man Kam. Alle direkten Schüler von Sifu Lo Man Kam, die in seinem Namen Schulen betreiben dürfen, versuchen Techniken, Übungswege und Formen so weiterzugeben, wie sie es von unserem Sifu vermittelt bekommen haben. Daran, dass es kaum Unterschiede zwischen Schulen gibt, die in ständigem Kontakt zu Sifu Lo stehen, zeigt sich, dass dies so weitervermittelt wird, wie es von ihm erlernt wurde. Seinen Schulleitern und Instructoren lässt Lo Man Kam aus diesem Grund etwas zukommen, dass er im normalen Unterricht nicht vermittelt. In seinen Worten: " I show you how to teach the System".

Sollten wir Unterschiede in Übungen feststellen, haben wir immer die Möglichkeit dies bei Sifu direkt zu hinterfragen. Es erscheint logisch, dass verschiedene Schüler verschiedene Dinge erklärt bekommen, da jeder individuelle Fehler beim Lernen gemacht hat, die er korrigiert bekommen hat. Durch diesen Umgang entsteht eine Gemeinschaft, die sich um Erhalt und Weiterentwicklung eines traditionellen Lehr- und Lernsystems bemüht. Dadurch entsteht das, was gemeinhin als Familiensystem bezeichnet wird. Positiv sind auch Kontakte zu befreundeten Kung-Fu Brüdern unseres Sifu Lo Man Kam, die wie er Unterricht bei seinem Onkel Yip Man erhalten haben. Dabei ist es uns möglich auch deren Ansicht über Techniken, Formen und Übungswege mit in Überlegungen einzubeziehen. Besonderer Dank gilt hier Sifu Wang Kiu und Sifu Duncan Leung, die verschiedenen Mitgliedern unseres System immer wieder Einblicke in ihre Ansichten und Trainingsweisen gewähren. Dadurch hat sich im Laufe der Jahre gezeigt, dass Konzepte, Ideen und Vorgehensweisen des Systems von den Schülern Yip Mans grundlegend gleich aufgefasst werden. Die daraus entstehenden Vorgehensweisen allerdings sehr individuell sein können. Dies erklärt sich vor allem dadurch, dass das System keine festgelegten, zusammenhängenden Kampftechniken vermittelt. Wing Chun Kung-Fu Anwendungen entstehen aus der Kombination verschiedener Einzelbewegungen, wie Tan Sao, Lap Sao etc. die sich frei und situationsbezogen kombinieren lassen. Dadurch entsteht eine unendliche Zahl von Kombinationsmöglichkeiten, die eine "Weiterentwicklung" des Systems unnötig macht, da bereits eine solche Freiheit bei der Umsetzung besteht, dass jeder nach seinen Voraussetzungen optimale Trainingsergebnisse erzielen kann, wenn sein Lehrer diese individuelle Entwicklung anhand der Grundkonzepte des Systems zulässt.

Auch in unserem Stil gibt es Schulen, die verschiedene Rituale als Tradition innerhalb ihrer Linie ansehen. Die einen verneigen sich vor den Bildern ihrer Meister, oder führen andere Rituale im Unterricht durch. Ich persönlich halte dies nicht für grundlegend falsch, da hier Stilbegründern und Personen die sich um die Kampfkunst verdient gemacht haben Ehre erwiesen wird. Falsch wäre es allerdings anzunehmen, dass dies eine grundlegende Tradition im Wing Chun Kung-Fu sei. In der Schule Yip Mans hing nach Angaben seiner Schüler kein Bild seines Meisters, dem Ehre erwiesen wurde. Ebenso wenig ist dies in der Schule von Lo Man Kam oder in der damaligen Schule von Wang Kiu der Fall gewesen. Lo Man Kam hat ein Bild seines Onkels in seinem Wohnraum hängen und hat in seinem Logo an der untersten Spitze ein Blatt (Yip) eingefügt, dass symbolisiert, dass hier die Wurzel des Stiles liegt. Alle mir bekannten Yip Man Schüler haben immer mit Ehrfurcht und Respekt von ihrem Sifu geredet. Dies halte ich für eine wahre Tradition, dem Meister, der einem das Wissen um die Kunst näher bringen konnte zu ehren und dies gegenüber den eigenen Schülern entsprechend zu äußern. Ich selbst habe erst mit Sifu Lo Man Kam jemanden kennen gelernt, der mir Ideen und Konzepte des Systems durch Übungen und Gespräche vermitteln und näher bringen konnte. Deshalb war er auch der Erste, der dem Begriff Sifu im Sinne von väterlicher Lehrer, gerecht geworden ist. Lehrer, die ich vorher hatte waren zu einer erklärenden Vermittlung des Systems nicht in der Lage, da ihnen diese "Tradition" fehlte, da niemand über einen längeren Zeitraum Unterrichtskonzepte des Wing Chun Kung-Fu an sie weitergegeben hatte.

Schaut man auf verschiedene alte Bilder aus der Schule Yip Mans sieht man das die Trainingsbekleidung aus einem weißen Hemd und schwarzen Hosen bestand. Diese Farbkombination hat sich in vielen Schulen erhalten, so auch in den deutschen Lo Man Kam Schulen. Yip Man selbst trug meist traditionelle chinesische Kleidung (chinesische Roben), die er auch in seiner Schule während des Unterrichts trug. Dies war allerdings keine festgesetzte Kleiderordnung. In der Schule von Sifu Lo Man Kam gibt es auch keine Kleiderordnung. Taiwanesen und ausländische Schüler tragen die verschiedensten Kleidungsstücke in den verschiedensten Farben während des Trainings. Einige tragen die Trainings T-Shirts der Lo Man Kam Federation Taiwan, andere nicht. Sifu selbst trägt verschiedenste Trainingsbekleidung während des Unterrichts, je nach Temperatur und Wetter.

Aus alle dem ergibt sich, dass ein traditionelles Auftreten noch lange nicht die traditionelle Vermittlung einer Kampfkunst garantiert. Traditionelle Kleidung macht keinen traditionellen Meister, eine Verneigung vor einem Bild macht noch lange keine echte Ehrerbietung gegenüber einem Meister aus. Verehrung für Kunst und Meister sollte vielmehr durch die Lehre an sich stattfinden, die Vermittlung, die Intensität des Trainings und die eigene Bereitschaft sich mit der Kunst auseinanderzusetzen.

Meiner Meinung nach sollte sich das Wort Tradition in den Kampfkünsten vornehmlich auf den Erhalt der Systeme richten. Zeremonien, Kleidungsvorschriften und Regeln, die nur am Rande mit der essenziellen Kampfkunst zu tun haben, sollten jeder Schule und jedem Lehrer selbst überlassen sein. Die Verantwortung der Tradition liegt bei dem Lehrenden und seinem Bemühen die Kunst unverfälscht weiterzugeben. Es gibt Kampfkünste bei denen das Tragen traditioneller Kleidung unumgänglich ist, da z. B. verwendete Waffen in dieser Kleidung getragen wurden. Im Bereich des Wing Chun Kung-Fu halte ich persönlich es nicht für nötig, traditionelle chinesische Kleidung zu tragen. Sifu Lo Man Kam unterrichtet in den meisten Fällen ebenfalls in normaler Trainingsbekleidung und Turnschuhen. Auf Seminaren trägt er einen in Taiwan gefertigten Kung-Fu Anzug, den er in seinem Unterricht allerdings nicht trägt.

Es drängt sich hierbei der Verdacht auf, dass sich Personen den Bereich der Kampfkunst ausgesucht haben, um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei scheint der Laie, durch chinesisches Auftreten und den Flair, leicht über die eigentlichen Fähigkeiten eines Lehrers täuschen zu lassen, da das Bild einer authentischen Kung-Fu Schule durch Filme und Mythen geprägt, glaubhaft vermittelt werden kann.

Glücklicherweise ist die Anzahl der schwarzen Schafe gering und ich bin erfreut in den letzten Jahren Meister vieler Stile in Deutschland kennen gelernt zu haben, die sich intensiv mit ihren Künsten unter Führung ihres Meisters auseinandergesetzt haben. Man kann also die Hoffnung haben, dass der Satz von Sifu Lo Man Kam, den er einst in Bezug auf einen Video sagte, meistens nicht zutreffen wird: "Looks like Kung-Fu, but is no Kung-Fu"

© Marc Debus
Lo Man Kam Wing Chun



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