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Wie finde ich den richtigen Stil?



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Das Studium der Kampfkünste kann verglichen werden mit der nie endenden Reise auf einer langen, stürmischen Straße, eine die mit vielen Biegungen, mit Kurven und natürlich mit vielen Hindernissen. Wenn man auf dem Weg, ein Kampfkünstler zu werden, auf eines dieser Hindernisse trifft, ist es manchmal schwer zu entscheiden, welchen Weg man gehen soll. Die eine Richtung kann einen auf eine schnelle und praktische Straße zum Erreichen des Ziels führen, die andere auf eine schier endlose Steigung mit keinem Ziel vor Augen.

Es kann passieren, dass man falsch abbiegt und ultimativ in eine Sackgasse läuft, in der es keine Wendemöglichkeit gibt. Manche Kampfkünstler haben vielleicht sogar das große Pech, das sie eine Reise auf dem falschen Fuß begonnen oder mit einem falschen Abbiegen begonnen haben, ohne dies überhaupt festzustellen. Für die meisten, die mit den Kampfkünsten beginnen, ist es ein Anfang ohne Vorbedacht, Untersuchung oder Vorkenntnisse. Auch wenn wir jemanden haben, der schon ein Kampfkünstler ist und uns auf unseren ersten Schritten etwas Anleitung geben kann, ist es doch normalerweise Zufall, welches System wir beginnen zu studieren. Viele treffen ihre Entscheidung nach nur wenigen Besuchen von einigen verschiedenen Kampfkunstschulen, wobei unglücklicherweise äußere Faktoren in die Entscheidung mit einfließen, zum Beispiel die Kosten, die Zeit und der Trainingsort; wie beeindruckend ist die Werbung oder die Verkaufstechnik des Ausbilders; wie wenig Zeit wird versprochen, die man zum Erreichen des schwarzen Gurtes benötigt; wie viele Trophäen werden präsentiert; wie viele attraktive Mitglieder des anderen Geschlechts sind in dem Kurs; und so weiter und so weiter. Es ist zu Beginn oft schwierig für sich selbst zu definieren, was man wirklich in den Kampfkünsten sucht und erwartet. Manchmal ändern sich diese Ziele auch dramatisch während der Ausbildung, wenn man mit der Zeit mehr über den Stil und die Kampfkünste im Allgemeinen in Erfahrung gebracht hat. Es ist natürlich einfacher über das Ziel zu entscheiden, wo man hin möchte, wenn man das ganze Spektrum gesehen hat. Wie auch immer, wenn man auf der falschen Straße gestartet ist, muss man eventuell anhalten, sich neu orientieren und die Reise auf der angemessenen Route neu beginnen. Wenn dies zutrifft und man sich überlegt, welcher Weg nun der Richtige sein könnte, sollte man sich fragen, inwieweit und auf welche Weise sich die Interessen verändert haben, seit man sich das erste Mal für die Kampfkünste entschieden hat.

Selbstanalyse als Erstes
Wie hat sich der Eindruck oder der Überblick verändert seit der Einführung in den Stil? Wie hat sich der Blickwinkel für die Kampfkünste im Allgemeinen geändert? Gibt es Dinge, die man erreichen möchte in Bereichen, die nicht in der aktuellen Ausbildung beinhaltet sind? Versteht man an diesem Punkt, wohin man durch das begonnene Studium kommen kann? Manche Stile oder Schulen legen schon zu Beginn den Kurs der Ausbildung offen dar, wohingegen dies bei anderen verwirrend oder unklar sein kann. Wenn man sich kein genaues Bild von dem Ziel der Ausbildung machen kann, sollte man mit dem Ausbilder sprechen. Obendrein sollte man sich seine älteren Trainingsbrüder und –schwestern genau ansehen. Haben diese die Art von Fähigkeiten, die man sich für sich selber wünscht? Oder sucht man wirklich nach etwas anderem? Wenn die Älteren möglicherweise die am meisten beeindruckende Meditationshaltung des Planeten haben, aber man selber möchte lieber mit aufregenden Sprüngen und Tritten durch den Raum fliegen, dann kann es gut sein, dass man in der falschen Schule ist.

Es geht nicht darum, die Entscheidung für einen bestimmten Stil schlecht zu machen, aber jeder traditionelle Stil hat Parameter, die diesen Stil definieren. Wenn man das Studium der Kampfkünste in einem inneren System wie z. B. Tai Chi begonnen hat und sich – nachdem man mehr über die Kampfkünste gelernt hat – dann entscheidet, dass man wirklich mehr in die Richtung von hohen und weiten Tritte tendieren möchte, dann muss einem klar sein, dass das begonnene Studium einen nicht soweit in diese Richtung führen kann, wie dies beispielsweise modernes Wushu, Nord-Shaolin oder Taekwondo tun kann. Umgekehrt gilt natürlich genauso, dass – wenn man nach etwas Innerem sucht – man dies nicht in einer offensichtlich Performance-Orientierten Kampfkunst wie Wushu findet. Man sollte sich selber einschätzen, wie weit man in dem System, das man betreibt gekommen ist und wie weit man kommen will oder kann. Ist das System wirklich für den Praktizierenden zum Erreichen seiner Ziele geeignet? Oder hat man sich vielleicht umorientiert? Die meisten Menschen beginnen das Studium der Kampfkünste entweder aus Zwecken der Selbstverteidigung oder um die Fitness zu verbessern, heutzutage repräsentieren die Kampfkünste aber weit mehr. Diese Künste können viele Dinge vermitteln, angefangen von der Gesundheitsverbesserung bis hin zum kulturellen Verständnis, vom Erlernen der Selbstdisziplin bis hin zum Leistungssport. Als Form des Leistungssportes gibt es viele neue Arten der Wettkämpfe, aus denen man wählen kann, insbesondere viele verschiedene Arten des Faustkampfes. Ebenso gibt es verschiedene Formenwettkämpfe, die auch auf bestimmte Stile (Wushu oder innere Stile) limitiert sein können, sowie offene Formenwettkämpfe, die für verschiedenste Stile sind. Weiter gibt es eine Anzahl traditioneller Events wie Löwentanz, Bruchtest, Pushing-Hands Wettkämpfe. Wenn man auch an diesem sportlichen Aspekt interessiert ist, sollte man darauf achten, ob in dem praktizierten System so etwas beinhaltet ist. Es kann aber natürlich auch sein, dass man gar kein Interesse an der sportlichen Wettkampfseite hat. Trotzdem gibt es immer noch eine Menge Auswahlmöglichkeiten innerhalb der Kampfkünste, aus denen man wählen kann. Es gibt natürlich zahllose Stile, aus denen man wählen kann. Allein die chinesischen Kampfkünste beinhalten mehrere hundert Stile und Disziplinen. Und obendrein kann man feststellen, dass in den meisten Systemen jeder Ausbilder seine eigene Methode der Ausbildung hat. Beispielsweise suchen die meisten Menschen im Tai Chi die gesundheitlichen Aspekte, aber es gibt auch Ausbilder, die unnachgiebig die kämpferische Seite hervorheben.

Die Zeit, die verwandt werden muss, um die gewünschten Ergebnisse zu erreichen, sollte ebenfalls in die Rechnung mit einbezogen werden. Wiederum am Beispiel von Tai Chi aufgezeigt, auch wenn manche Ausbilder den Schwerpunkt auf die kämpferische Seite legen, bedarf es eines großen Zeitaufwandes und viel Geduld, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn man nach einem zügigeren Fortschritt der praktischen Selbstverteidigungstechniken strebt, ist es klüger woanders zu suchen. Auch sollte man sich die Frage stellen, ob man physisch und mental den Anforderungen des gewählten Stils gewachsen ist. Nicht jeder Stil ist für jede Person geeignet. Unabhängig was ein Ausbilder sagen mag, passt nicht jedermann in jeden Stil. Jemand im mittleren Alter, der nur wenig oder vielleicht sogar gar nicht physisch fit ist, hat wenig Chancen, in einer sehr physisch orientierten Kampfkunst wie modernem Wushu, welches abhängig ist von der Energie der Jugend, hoher Flexibilität und guten athletischen Fähigkeiten, weit zu kommen. Wenn ein Schüler sich für eine Kampfkunst anmeldet, wird er mehr kriegen, als ihm die simple Beschreibung in einer Broschüre oder an einem schwarzen Brett vorher sagen kann. Bei der Anmeldung in einer traditionellen Schule wird von ihm auch die Wahrung von Protokoll und Sitte erwartet werden. Viele chinesische Schulen haben Traditionen und Etikette über die Generationen bewahrt und zu einem Teil des Stils gemacht. Das kann die formelle Anrede von Ausbildern und Trainingsgeschwistern sein; das tägliche Anzünden von Weihrauch um die Vorfahren des Systems zu ehren. Dies kann zwar für Nicht-Asiaten eine kulturell bereichernde Erfahrung sein, für jene, die aber nur an dem puren und simplen Selbstverteidigungsunterricht interessiert sind, wird dies wohl kaum das Richtige sein.

Wenn man nun sowohl sich selber als auch die Gründe für das weitergehende Lernen analysiert hat, gibt es noch einige andere Dinge, die man in die Überlegungen mit einbeziehen sollte.

Andere zu betrachtende Faktoren
Was stellt man als Schüler für den Ausbilder dar? Traurigerweise ist man für manche Lehrer nichts weiter als ein Name auf der Rechnungsliste. Natürlich ist dies nicht immer der Fall, es gibt Ausbilder, die nur aus der Liebe zum Lehren und aus dem Willen zur Verbreitung ihrer Kunst unterrichten und dabei oft wenig oder gar kein Geld daraus gewinnen. Der Ausbilder und die Mitglieder der Schule können aber auch zu einer erweiterten Familie werden, nicht nur in den traditionellen Schulen, auch in den modernen kommerziellen Schulen. Was zu befürworten ist, aber auch die Entscheidung, ob man in der Schule bleibt oder nicht, beeinflusst. Man fängt an mit den Kampfkünsten, um bestimmte Fertigkeiten - sei es nun Selbstverteidigung, Sport, Fitness oder Disziplin - zu erreichen. Wenn die Verwirklichung dieser Ziele nicht in Sicht ist, sollte man woanders suchen. Wahre Freunde werden diese Entscheidung, den Stil oder das System zu wechseln, verstehen. In einer mehr traditionellen Schulumgebung wird von dem Studenten erwartet, dass er Loyalität für die Schule und die Ausbilder empfindet und bewahrt. Dies war eine Notwendigkeit aus der Zeit in China, als man Herausforderungen von anderen rivalisierenden Schulen bekam. In der heutigen Zeit sollte sich diese Loyalität mehr als ein Akt des Respekts für die Fähigkeiten des Lehrers und seiner Bereitschaft, diese zu vermitteln, äußern. Blinde Loyalität sollte als veraltet angesehen werden. Respektieren sollte man den Ausbilder und seinen Einfluss auf die eigene persönliche Kampfkunst-Weiterentwicklung. Wenn man sich entscheidet, getrennte Wege zu gehen, sollte man sich die Zeit nehmen, respektvoll mit dem Ausbilder zu sprechen und ihm die Gründe erläutern, insbesondere wenn man in einer formellen traditionellen Schule ist, wo man mehr als ein monatlicher Bezahler ist. Wenn man sich nicht sicher ist, ob man in einen anderen Stil wechseln sollte, könnte auch das Studium von mehreren Stilen gleichzeitig in Betracht gezogen werden. Das duale Studium macht Vergleiche einfacher, welcher Stil für einen selber der besser Passende ist. Vielleicht merkt man auch auf diese Weise, dass das Studium in zwei (oder mehr) Systemen eine notwendige Balance schafft, die durch das Studium eines Systems nicht möglich wäre. Als Erstes sollte man in diesen Fällen beide Ausbilder in Kenntnis setzen. In traditionellen Kreisen wird es ein Meister oder Lehrer nicht gern sehen, wenn ein Schüler, besonders ein Guter, ein anderes System zu lernen beginnt und gleichzeitig aber noch das andere studiert. Der Grund dafür ist unter anderem, dass der Lernende nicht das Augenmerk auf einen anderen Stil lenken sollte, wenn er nicht mal alles gelernt hat, was der erste Meister ihm vermitteln kann. Einige Ausbilder werden vielleicht selber in zwei oder mehr Stilen studiert haben und trotzdem die Idee nicht mögen, dass ihre Schüler von anderen lernen. Was gut ist für die Gans, muss – wenn es nach dieser Gans geht – nicht gut sein für den Gänserich.
Kluge Entscheidungen
Wenn man neugierig, unsicher oder einfach nur Interesse an anderen Stilen oder einer spezifischen Kampfkunst hat, ist die Lösung manchmal näher als man meint. Es gibt keine Geheimnisse mehr wie in den alten Tagen der chinesischen Kampfkünste. Für Anfänger empfiehlt sich beispielsweise ein Seminar; so etwas findet man heute häufiger und man hat dadurch die Möglichkeit, einen besseren Einblick in einen anderen Stil oder andere Themengebiete der Kampfkünste zu erhalten. Viele sehr gute Kampfkünstler bieten Seminare an, die anderen Kampfkünstlern die Chance geben, etwas aus einer anderen Kampfkunst zu lernen. Für ein intensiveres Training kann man auch ein Trainingscamp besuchen. Der Vorteil von Camps gegenüber Seminaren liegt ganz einfach darin, dass diese eine längere Dauer haben und dadurch einen tieferen Einblick in die angebotenen Themen bieten. Weitere Möglichkeiten sind der Kauf von Videos, der Besuch von anderen Schulen, das Zuschauen oder die Teilnahme an Wettkämpfen, Vorführungen oder Bücher und ähnliche Publikationen. Natürlich bietet heute vor allem das Internet eine gute Plattform durch Webseiten oder auch Diskussionsforen. Das alles sollte einem helfen können, eine bessere Perspektive für die Kampfkünste zu bekommen. Auch ein Erfahrungsaustausch mit einem anderen Kampfkünstler kann wertvoll sein. Ein informeller Fähigkeitsvergleich wiederum kann vielfältig aussehen, vom freundschaftlichen Sparring bis hin zum Gegenseitigen beibringen von Techniken aus dem anderen System.

Schlussfolgerung
Das Wichtigste, wenn es darum geht, die eigene Zeit und Mühe sinnvoll zu investieren, sind die eigenen Belange. Nur weil man in eine Schule gegangen ist, heißt das nicht, dass man dort auch bleiben muss. Zeit ist nun einmal wertvoll. Man sollte die Zeit, die man mit Kampfkünsten verbringt, sinnvoll investieren, indem man den am meisten passenden Stil wählt. Zehn Jahre in einem Stil zu studieren nur, um festzustellen, dass dieser nicht der Richtige ist, ist pure Zeitverschwendung, sowohl für den Schüler als auch für den Lehrer. Die Kampfkunst ist eine Reise, eine persönliche Entwicklung. Jeder Mensch hat das Recht, seinen Weg selbst zu wählen. Einige Kampfkünstler werden mit ihrer anfänglichen Entscheidung für immer glücklich sein und dabei bleiben, andere werden ihre wahre Berufung erst nach Jahren des Experimentierens finden.


© Ali Ol / Björn Henke
Kung-Fu WebMag /
German Chow Gar Association / VFCK



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