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Interview Wang Kiu



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Das Interview wurde 2005 von Marc Debus in der Wohnung von Meister Wang Kiu in Holland durchgeführt. Das Interview wurde in englischer Sprache gemacht und wir veröffentlichen hier einen Auszug aus dem zweistündigen Interview.

Sifu Debus:

Nun zur ersten Frage, wann hast Du mit dem Training unter deinem Meister Yip Man begonnen und wie?

Meister Wang Kiu:
Als ich in meinem Büro arbeitete, das war im Jahr 1952 oder 53, traf ich Wong Man, der ein Cousin von Wong Shun Leung war, der mir von einem Kampfkunstmeister berichtete. Er wusste, dass ich an diesen Dingen interessiert war, da ich zu dieser Zeit den Tang Lang Stil erlernte. Er erzählte mir, dass dieser Mann aus China komme und in seinem Stil, der Wing Chun heiße, ebenfalls "klebende Hände" unterrichte, wie im Tang Lang Stil. Schließlich brachte er mich zu Yip Man, der im "Third Prince" Tempel zu dieser Zeit Unterrichtsstunden gab. Ich sah dort erstmals Yip Man mit drei Studenten Übungen machen, von denen ich damals nicht wusste, was dies war. Heute weiß ich, dass es das Chi Sao des Wing Chun war. Da es Ähnlichkeiten zu meinem Kung-Fu hatte war ich gleich interessiert. Nach dem Training ging ich deshalb mit Yip Man in ein Teehaus. Wir unterhielten uns über den Stil und die Schulpreise. Nach diesem Abend ging ich erstmals zu seinen Stunden in den Tempel, da er mich als Schüler akzeptiert hatte.

Sifu Debus:
Meister, wie lange hast Du bei Yip Man gelernt?

Meister Wang Kiu:
Zweieinhalb Jahre, vielleicht etwas länger. Danach noch einige Male kurzzeitig. Ich traf Yip Man aber häufig, trank Tee mit ihm und sprach mit ihm über die Kampfkunst. Wing Chun wurde zu dieser Zeit immer bekannter und man konnte täglich Artikel darüber in der Zeitung lesen. So wuchs die Schule von Yip Man auch ständig. Zu meiner Zeit hatte ich nicht sehr viele Stunden in dem Tempel, da die Luft auf Grund des Räucherwerkes mir große Probleme machte. Ich bat Yip Man um Privatstunden. Es ergab sich die Gelegenheit, dass ich zwei Brüder kannte, deren Vater eine Konstruktionsfirma hatte und die ebenfalls Interesse am Unterricht hatten. So nahmen wir zusammen in einer Halle der Firma ab da an unsere Stunden. Deshalb kannte ich auch nicht sehr viele der anderen Schüler dieser Zeit.

Sifu Debus:
Wing Chun Lernende sind heute besonders interessiert, etwas über die Dauer des Trainings zur damaligen Zeit zu erfahren. Wie lange brauchte, um das ganze System zu lernen? Sifu, kannst Du uns darüber einige Informationen geben?

Meister Wang Kiu:
Es ist schwer, dafür eine Definition abzugeben, weil es Unterschiede in Trainingsintensität und Besuch der Schüler gab, wie heute auch. Deshalb ist es schwer, eine allgemeingültige Aussage zu treffen.

Sifu Debus:
Das ist verständlich. Wie lange hast du persönlich gebraucht?

Meister Wang Kiu:
Das gesamte System? Alle Formen? Ungefähr eineinhalb Jahre.

Sifu Debus:
Das Chi Sao und der Unterricht des Chi Sao war so, wie Yip Man es von seinem Lehrer gelernt hatte?

Meister Wang Kiu:
(Lacht) Ich habe seinen Lehrer niemals gesehen und kann deshalb auch dazu nichts Definitives sagen. Ich kann aber sagen, dass wir das Chi Sao alle auf demselben Weg gelernt haben. Zuerst kommt das einarmige Chi Sao oder "Dan Chi Sao", dann arbeitete man eine Zeit an dem beidarmigen Rollen "Poon Sao". Dies ist besonders wichtig, da es die Muskulatur für die späteren Bewegungen trainiert. Es macht einen flexibel und durch das Chi Sao schult man sein Gefühl. Das ist auch wichtig in Bezug auf die vorherigen Fragen. So viel Gefühl wie ein Schüler hat, bzw. für die Bewegungen bekommt, bestimmt seine Lerngeschwindigkeit. Wenn Du faul bist, brauchst Du 20 Jahre (lacht).

Sifu Debus:
Meister, wir erinnern uns an eine Geschichte, die du uns vor einiger Zeit einmal erzählt hast, die wir aber gerne noch einmal hören würden. Wie hast du die ersten Bewegungen der Wing Chun Holzpuppe von Yip Man gelernt?

Meister Wang Kiu:
Wir trainierten ja meistens am Abend, von 19 bis 21 Uhr. Meistens gingen wir danach gewohnheitsmäßig in ein Teehaus um Tee zu trinken und einige Kleinigkeiten zu essen. Wir sprachen dort oft über theoretische oder historische Fragen der Kampfkunst. Das war so, weil man in der Schule kaum Zeit zum reden hatte, sondern nur Zeit zum trainieren. Meistens waren im Teehaus nicht mehr als zwei der drei Schüler anwesend. Als ich begann die "Cham Kiu" Form zu erlernen, sagte er eines Abends im Teehaus zu mir: "Wang Kiu, möchtest Du ein wenig von der Holzpuppenform erlernen"? Ich war erstaunt, da es zu dieser Zeit keine Holzpuppe in der Schule gab. Später gab es dann in der Schule eine Holzpuppe, was man heute auch auf Bildern sehen kann. An diesem Abend saß er mir gegenüber, hatte die Beine untergeschlagen und machte mir die ersten Bewegungen vor. Erste Bewegung, Huen Sao, zweite Bewegung, Ziehen des Nackens, dritte Bewegung, Bong Sao usw. So brachte er mir die ersten Bewegungen bei, indem ich diese ihm gegenüber sitzend spiegelte und mehrmals mit ihm zusammen wiederholte. Als er mich das erste Mal gefragt hatte, kurz vorher, ob ich Holzpuppe lernen wollte, war ich überrascht. Ich fragte ihn, ob ich überhaupt so weit sei und er antwortete mit ja. Er sagte: "Selbstverständlich kannst du dies nun lernen". Heute ist mir dies verständlich, da alle Bewegungen die nötig sind um den Beginn der Holzpuppe zu erlernen, in der ersten Form enthalten sind.

Sifu Debus:
Meister, wie viele Bewegungen hat die Wing Chun Holzpuppe?

Meister Wang Kiu:
Die Holzpuppe hat 108 Bewegungen, die Yip Man mir in Unterteilungen von zehn gezeigt hat. Die erste Form hat ebenfalls 108 Bewegungen. Dies basiert auf einer alten Geschichte. Es gibt ein altes chinesisches Buch über 108 Revolutionäre, die alle ihre Namen in diesem Buch verewigt haben. Diese Geschichte begab sich in der Chung Dynastie. Man suchte nach diesen 108 Männern, weil die Regierung sie als Banditen verfolgte. Man stellte sie alle und tötete sie. Diese Männer wollten aber immer das Wohl des Volkes. Um dieser alten Helden zu gedenken, wurden die Formen in 108 Bewegungen unterteilt.

Sifu Debus:
In der Biu Tze Form ist dies allerdings anders, warum?

Meister Wang Kiu:
Ja, hier ist es anders. Die erste Form lehrt einen die Mitte, die zweite Form lehrt einen den Kontakt, die Brücke, zum Gegner zu finden. Die Siu Lim Tao ist die Basis des gesamten Systems. Sie lehrt die Zentrallinie. Wenn aber etwas außerhalb dieser Mitte ist, muss es etwas geben, um dies zu kompensieren. Die Biu Tze Form beschäftigt sich nicht mit dem "Raum", der als Unterrichtsinhalt der ersten beiden Formen gewählt wurde, sondern man lernt nun seitwärts zuschlagen, um eventuellen Angriffen auf diesen Linien ebenfalls begegnen zu können. In der Siu Lim Tao steht man dem Gegner gegenüber, in der Cham Kiu richtet man sich auf den Gegner aus, in der Biu Tze lerne ich nach dem Gegner zu schlagen, wenn er nicht auf meiner Zentrallinie steht. Die Form gibt einem einen Weg, etwas zu tun, wenn die Zentrallinie verloren wurde. Man schafft sich hier den Raum, um die Zentrallinie zurück Zugewinnen.

Sifu Debus:
Meister Wang Kiu, ich Danke Ihnen für das aufschlussreiche Interview!

Meister Wang Kiu:
Ich habe zu danken.

Anmerkung der Redaktion: Leider ist Meister Wang Kiu im Mai 2009 im Alter von 85 Jahren verstorben!

© Marc Debus
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