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Bewegen wie die Tiere



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Viele Völker der Erde hat das Verhalten der Tiere zu rituellen Tänzen und Zeremonien inspiriert. Im chinesischen Kulturkreis dienten Tiere auch als Vorbild für Kampfstile. Zahlreiche Namen für Stile und Bewegungen belegen dies. Sifu Heiko Klisch gibt einen Einblick in diese Herangehensweise und schildert am Beispiel der Gottesanbeterin die Entstehungsmöglichkeiten neuer Stile.

Die Tradition des Kung-Fu reicht bis in die graue Vorzeit Chinas zurück. Zwar ist die offizielle Version die, dass Kung-Fu durch den Mönch Damo aus Indien nach China zum Shaolin-Kloster kam. Tatsache ist aber, dass schon einige tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung in Gräbern Figuren gefunden wurden, die Kampfpositionen zeigen, die den heutigen Kampfkünsten ähneln. Im Grunde kann man davon ausgehen, dass Kampfkünste in dem Augenblick ihren Anfang nahmen, in dem der Mensch begann zu kämpfen und verstand, dass man durch Übung besser als andere kämpfen kann. Was das Kung-Fu aus dieser Urform der Selbstverteidigung heraushebt, ist die Tatsache, dass die Kampfkunst später einen hohen kulturellen Stellenwert einnahm und sogar zu einer Lebensphilosophie erhoben wurde. Im Gegensatz zu anderen Kampfkunstkulturen der Welt beobachteten die Chinesen ihre Umwelt, um daraus wertvolle Informationen zu gewinnen. Die Faszination, die aus der Wildheit und Geschwindigkeit bestimmter Tiere erwächst, veranlasste die Chinesen, diese nachzuahmen. Sie imitierten charakteristische Bewegungen und übertrugen diese auf die menschlichen Bewegungsmöglichkeiten. Die erste Aufzeichnung, die belegt, dass einer Bewegungsart Tiernamen gegeben wurden, reicht in die Periode der drei Reiche (190 -265) zurück. Damals erwähnte der berühmte Arzt Hua Tuo eine wirksame Heilgymnastik, die unter dem Namen "Wuqinshu" (Kunst der 5 Tiere) in die Geschichte einging. Sie soll zu diesem Zeitpunkt schon 2000 Jahre alt gewesen sein. Die "Kunst der 5 Tiere" ist ein System, das aus der Nachahmung der Bewegung des Bären, des Tigers, des Hirsches, des Affen und des Kranichs besteht. Die Anzahl der Tiere weist auf die magische Bedeutung der Zahl 5 hin, welche die 5 Urelemente (Erde, Himmel, Wasser, Metall und Holz) und die 5 Hauptrichtungen der Erde (die vier Himmelsrichtungen und die Mitte) symbolisieren.

Die meisten Stile standen in direktem Zusammenhang mit dem Temperament des Tieres, das als Vorbild gedient hatte. Deshalb war die Bewegungsgruppe des Tigers dynamischer, die der Schlange oder der Schildkröte statischer. Die Bewegungen eines Tierstils erhielten oft ausdrucksvolle und phantasievolle Bezeichnungen wie z. B.: "Der Drache schlägt mit den Pfoten auf die Erde", "Die Gottesanbeterin klaut den Pfirsich", "Der Drache wedelt mit dem Schwanz" usw. Da die chinesische Sprache eine sehr bildhafte Sprache ist, kam es bei Stilen, die ursprünglich keine Tiere als Vorbilder hatten, in Mode, sich ebenfalls eine Anlehnung an die Tierwelt zu suchen. So kann man bei vielen so genannten Tierstilen davon ausgehen, dass zuerst der Stil existierte, die Benennung jedoch viel später erfolgte.

Viele Meister führten sorgfältige Beobachtungen durch. Sie interessierten sich nicht nur für die äußeren Eigenschaften des jeweiligen Tieres und für sein Verhalten im Kampf mit einem Gegner. Beobachtet wurde auch der Gang des Tieres, die Orientierung im Raum, die Art zu atmen, wie es schaut, sein Vorgehen beim Aufspüren eines Opfers, die Art des Verfolgens und sogar das Verhalten in Ruhe und beim Spielen. Es ging den Meistern nicht nur darum, die zum Teil recht komplexen Bewegungen des Tieres zu kopieren, sondern auch darum, dass betreffende Tier als vollkommene Schöpfung der Natur zu verstehen. Sie betrachteten den Chi-Fluß der ausgewählten Tiere und erkannten, dass jedes seiner Umwelt optimal angepasst war. Daraus zogen sie die Schlussfolgerung, dass der Mensch, wenn er diesen Chi-Fluß richtig verstand und klug interpretierte, ebenso eins mit seiner Umwelt, ein Teil des allgegenwärtigen Tao, werden konnte. Somit bestand das Wichtigste darin, zu erfassen, wie der Strom des Chi im Körper z. B. einer Gottesanbeterin, einer Schlange oder eines Tigers wirkt, was das Tier veranlasst, vor und zurück zu wippen, sich auf den Boden zu legen, zu springen, zu schlagen oder zu reißen. Genauso wichtig war es, den eigenen Geist bzw. den Verstand zu zwingen, sich diesen lnstinkten zu unterwerfen und sie mit den logischen Aspekten des Kampfes zu verbinden.

Die Bedeutung der Tiere in der Mythologie, bei Ritualen und in der Kunst der Völker des Ostens ist groß. Daher ist es kein Wunder, dass oft Tiere als "Schutzgeist" für Kampfkunstschulen gewählt wurden.

Neben den Tieren der Umgebung wie Reiher, Kranich oder Gottesanbeterin findet man in den Kampfschulen auch solche Tiere, die nach hinduistischer, daoistischer oder buddhistischer Tradition sakrale Eigenschaften oder eine besondere Macht besitzen. Dazu zählen die Tiere, die den Tierkreiszeichen entsprechen und im chinesischen Kalender vorkommen: Ratte, Stier, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Widder, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Bekanntlich bestimmen diese Tiere nach dem Horoskop die Charaktereigenschaften eines Menschen, der in dem entsprechenden Jahr geboren ist. Der Vogel erscheint in der Mythologie vieler alter Völker als ewiger Gegner der Schlange. In den Märchen der Sumerer, Inder und Griechen spiegelt sich im Kampf der Schlangen mit dem Adler der Gegensatz von Himmel und Erde, von Gebirgswelt und Flachland wider. Ist es da verwunderlich, dass die Beobachtung des Kampfes einer Schlange mit einem Vogel den Ursprung für die Entwicklung aller inneren Stile darstellt? Ein neuer Stil wurde immer von einem Kämpfer entwickelt, der zuvor durch die harte Schule diverser Kampfkunstschulen gegangen war und ab einem bestimmten Punkt seiner Ausbildung seine antrainierten Fähigkeiten als unzulänglich empfand. Dieser Kämpfer begann zu suchen und zu philosophieren. Er beobachtete die Natur und bekam den entscheidenden Hinweis, der seinen Stil weiterentwickelte bzw. "unschlagbar" machte.

Gehen wir zum Beispiel von folgendem aus: Ein Schüler praktiziert den Drachen-, den Kranich-, den Tiger- und den Affen-Stil. Nachdem er wieder einmal geschlagen wurde, begibt er sich in den Wald und beobachtet eine Gottesanbeterin, wie sie ihre Beute fängt. Eine Gottesanbeterin geht gleichmäßig gleitend vor und schlägt schnell und überraschend zu. Ist sie mit einem Gegner konfrontiert, stellt sie die Flügel auf und wippt vor und zurück, um durch den Rhythmus ihrer Bewegung ihre möglichen Kampfaktionen zu verbergen. Durch den hoch aufgerichteten Oberkörper hat sie einen Distanzvorteil, der breite Stand bietet ihr die Basis, auch schwerere Opfer, wenn sie diese erst einmal in den Fängen hat, zu kontrollieren, ohne umgeworfen zu werden. Der blitzschnelle Fangschlag lähmt die Opfer und lässt ihnen keine Chance zur Gegenwehr. Der Schüler beginnt, verschiedene Bewegungen zu kopieren, und ist damit in einem späteren Kampf erfolgreich. Jetzt ist ein neuer Stil geboren. Dieser Stil besteht zum Großteil aus Techniken der anderen Systeme, heißt dann aber "Gottesanbeterin-Stil", weil er Bewegungsweisen von Gottesanbeterinnen enthält. Genau genommen ist er jedoch eine (logische) Weiterentwicklung der schon vorhandenen Stilarten.

Je weiter sich der Kämpfer jetzt von seinem Meister bzw. dem Gründer der vorher gelernten Stile entfernt, desto mehr "fremde" Einflüsse fließen in seinen eigenen Stil hinein. Je nach kulturellem Umfeld und Bildungsgrad entwickelt sich ein Stil mehr in die kämpferische oder in die philosophische Richtung, ungeachtet der Wirksamkeit und Effektivität der Kampftechniken. Vielleicht entwickelt sich ein Stil, der tatsächlich an eine Gottesanbeterin erinnert, oder es bleibt nur noch der Name übrig, und der Charakter geht verloren. Die überwiegende Mehrzahl der Schulen und Stile des chinesischen Kung-Fu entstand aus der Beobachtung von Tieren und ihrem Verhalten im Kampf - als Widerspiegelung des ewigen Kampfes um das Leben. Manchmal bildet ein bestimmter Tierstil allein eine Schule, manchmal hingegen werden im Rahmen einer Schule mehrere Tierstile angewandt, so z. B. die zwölf Stile in der Schule des Xingyi Quan. Mit den verschiedenen Tieren hängen auch die traditionellen Bezeichnungen der Verfahren und des formalen Übungskomplexes zusammen. Ohne die Entstehung der Tierstile im Altertum wäre das heutige Kung-Fu undenkbar.

© Heiko Klisch
Wudao Hamburg



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