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Dianxue -

Die Kunst der tödlichen Berührung



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Chu Futang war unvergleichlich stark und konnte sehr gut kämpfen. Er beherrschte die Speerkunst des waagerechten Rotierens (Siping Qiang) perfekt. Gegen Ende der Ming-Dynastie (1368-1644) war er Abschnittskommandeur einer Einheit zur Niederschlagung von Aufständen. Damals gab es einen gewissen Zhang Qing in Dugu, der im Geschäftsviertel sein Unwesen trieb. Als die Leute Chu darum baten, Zhang Qing zu beseitigen, antwortete dieser: "Zuerst muss ich seine Technik sehen, und danach werde ich handeln." So richtete man für Zhang und Chu ein Festessen aus. Zhang prahlte mit seinem Mut, krempelte im angetrunkenen Zustand die Ärmel auf und begann, ausgelassen zu tanzen und zu scherzen. Chu tippte ihn gemächlich an die Brust und sagte: "Setz dich." Da Chu hervorragend sein Qi gebrauchen und seine spirituelle Kraft (Shen) einsetzen konnte, verletzte er ihn in der Mitte, was Zhang aber nicht wusste. Bis zum Ende des Festessens saß er stumm da. Einen Tag später starb Zhang auf einer Pavillonbrücke. Man sagt, sein ganzer Körper war blau und violett angelaufen.

Die traditionelle chinesische Medizin geht davon aus, dass Blut und Qi in Leitbahnen durch den Körper fließt. Auf diesen Bahnen liegen die Punkte (Xue), die entweder mit dem Qi oder dem Blut eines inneren Organs in Verbindung stehen. Gerät der Qi- oder Blutfluss in Stockung, wirkt sich dies auf den Körper nachteilig aus. Durch Einwirkung auf die Reizpunkte, die auf den Leitbahnen, aber auch außerhalb liegen, lassen sich mit Hilfe von Akupunktur, Akupressur oder Wärmeeinwirkung (Moxibustion) verschiedene Wirkungen erzielen. Die Reiz- beziehungsweise Akupunkturpunkte sind auch in der Kampfkunst sehr wichtig. So sind die in den Kampfkünsten verwendeten Vitalpunkte dieselben, wie in der Akupunktur. Jedoch werden im Wushu von den insgesamt 360 Punkten nur 108 verwendet. 72 davon führen zu Verletzungen und bleibenden Schäden, die anderen 36 können den Tod bewirken. Die Punkte liegen in der Regel an den Verbindungsstellen der Muskeln mit den Sehnen oder an so genannten "offenen Körperstellen", an denen es sensible Nervenbündel gibt. So existieren unter diesen Punkten empfindliche und weniger sensible, verborgene und relativ leicht Auffindbare. Im Gegensatz zur medizinischen Praxis versucht man in der Kampfkunst, eine Hemmung des Qi- und Blutflusses beim Gegner herbeizuführen.

Dianxue ist als "Kunst der tödlichen Berührung" oder auch als "Kunst des langsamen Todes" bekannt und stellt den unzugänglichsten Teil der traditionellen östlichen Kampfkünste dar. Dianxue kann als eine eigenständige Kampfkunst angesehen werden, die zur inneren Richtung des Wushu gehört. Sie lehrt verschiedene Formen der Kraftanwendung bei Druck oder Schlag auf Nervenpunkte oder auf die Punkte des Blutkreislaufes, Kurz- oder Langzeitwirkungen der Schläge, sofortige oder verzögerte Wirkungen und auch die Aufhebung der Wirkungen. Darüber hinaus lehrt Dianxue, dass der menschliche Körper an warmen und kalten Tagen sowie zu den unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten unterschiedlich reagiert. Die Verfahren beruhen auf den Grundlagen der Akupressur, mit dem Unterschied, dass sie die Balance der inneren Kräfte destabilisieren und somit den Gesundheitszustand negativ beeinflussen. Nach einem vorgegebenen Schema, das auf der Theorie der fünf Wandlungsphasen (Wuxing) beruht, konnten die Meister des Wushu durch jahrelanges Üben die Zusammenhänge zwischen Punkten, den Organen, den Zeiten der Energiehochs und –tiefs sowie der Stimulationsmethode errechnen und entsprechend anwenden. Das System des Dianxue unterteilt sich in drei Hauptstufen, die sich mit dem Wissen über Funktion, Verlauf und Beeinflussung des Nervensystems Dim-Ching, des Blutkreislaufes Dim-Hsueh und der Lebensenergie Qi Dim-Mak beschäftigen.

Die ersten Forschungen im Bereich der negativen Stimulation werden dem mythologischen Begründer des Taijiquan Zhang Sanfeng (1279-1368?) zugeschrieben. Doch bereits vor dieser Zeit waren Akupunkteuren neben der Lage der Meridiane und der Stimulanspunkte auch die so genannten "verbotenen Vitalpunkte" bekannt. Deren Stimulation wurde als gefährlich oder gar tödlich angesehen. Schon in den "Aufzeichnungen über das Reinwaschen von ungerechten Bezichtigungen", einem Buch des Autors Song Ci aus dem Jahre 1247, wird beschrieben, wie die Gefahrenpunkte im unbewaffneten Kampf als Angriffspunkte verwendet werden können. Abbildungen einer menschlichen Figur verdeutlichen die Position von 32 der gefährdeten Punkte an Brust und Rücken. Noch Ältere, jedoch als verloren geltende Quellen, wie die "Wahren Aufzeichnungen über die Klärung von Unrecht" aus dem Jahr 565 von Xu Zhicai und den "Aufzeichnungen über zweifelhafte Kriminalfälle" aus dem 10.Jahrhundert von He Ning und He Meng, erwähnen Wunden und Verletzungen, die durch gezielte Einwirkung auf Reizpunkte entstehen. Man entdeckte, dass das Manipulieren von bestimmten Punkten den Tod bedeuten konnte. Zhang Sanfeng machte sich diese Erkenntnisse zunutze und forschte auf diesem Gebiet weiter.

Zhang Sanfeng entwickelte schließlich eine Form der Selbstverteidigung, die es ihm ermöglichte, einen Gegner durch Stimulation bestimmter Punkte, mit minimalem Kraftaufwand, zu besiegen. Er soll auch die Wechselwirkung von Schlagkombinationen auf verschiedene Punkte erkannt haben. So entdeckte er, dass Gegner durch Reizung bestimmter Vitalpunkte viel verletzlicher wurden. Durch Schlagen, Drücken und Greifen eines solchen Punktes, konnte er auch andere Stellen des Körpers beeinflussen. Im Folgenden entwickelte er speziell für die negative Stimulation seine eigenen Bronzestatuen. Als Übung für seine Schüler, verschloss er die kleinen Öffnungen der Meridianpunkte mit Wachs und füllte die Figuren mit Quecksilber. Hatte ein Schüler den richtigen Punkt gefunden, so floss die Flüssigkeit aus der Figur heraus. Die Legende besagt, dass Zhang Sanfeng sein Wissen über die Vitalpunkte in sein Shaolin Quanfa einbezog und einen Stil schuf, der später als Taijiquan bekannt werden sollte. Jedoch findet sich in allen großen Schulen der chinesischen Kampfkunst (Shaolin Quan, Taijiquan, Bagua Quan usw.) eine umfassende Verbreitung dieses Wissens.

Die Lehre über die Negativstimulation der gegnerischen Vitalpunkte aus dem Qinna-System wird jedoch auch auf Li Cheng, einem chinesischen Kampfkunstexperten aus der Song-Dynastie (960-1278), zurückgeführt. Dieser arbeitete gemeinsam mit Bai Yu Feng und Jue Yuan zehn Jahre lang an der Neugründung des Shaolin Quanfa. Cheng half mit, die Shiba Luohan Shou auf 172 Bewegungen auszubauen. Hierbei lieferte jedoch erst Bai Yu Feng die Lösung, wie man die taktischen und technischen Verfahren des Kampfes in die Dao des Shaolin Quanfa integriert. Die auf diese Weise zusammengesetzten Dao verschlüsselten alle Verfahren, sowohl die positive Eigenstimulation, die Kampftaktik als auch die negative Stimulation der gegnerischen Punkte, in ihren Formen. Somit sind damals wie auch heute die Inhalte verborgen und liegen jenseits der körperlichen Technik.

Die "Kunst der tödlichen Berührung" wurde in den alten Kampfkünsten meist am Ende einer langen und umfassenden Ausbildung gelehrt und war zumeist ausgewählten Schülern vorbehalten. In den ersten fünf Jahren wurde der Schwerpunkt auf die Erarbeitung der Grundschule, wie den Hauptschlägen, den Blöcken sowie der allgemeinen Kräftigung von Körper und Geist gelegt. Weitere fünf Jahre studierte man die Strategie und Taktik des Kämpfens mit und ohne Waffen. In den letzten fünf bis neun Jahren eignete man sich die Geheimtraditionen der Schule an. Hierzu zählt beispielsweise die "Kunst des langsamen Todes". Somit musste sich ein Kämpfer zuerst das Wissen über die Punkte und deren Wirkung aneignen. Danach musste er lernen, die mikroskopisch kleinen Punkte genau, d. h. in der angemessenen Tiefe und mit dem richtigen Druck, zu treffen. Die wichtigste Übung im Dianxue war deshalb das Erlernen des Fa-Jing für den angemessenen Schlag. Da die Reizpunkte nur schwer exakt zu treffen waren, nutzte man primär die Finger. Diese mussten daher in starkem Maße gekräftigt und abgehärtet werden. Zu diesem Zweck erfand man bestimmte Trainingsmethoden wie das Eisenhandtraining (Iron Palm-Training).

Jedoch ist für die erfolgreiche Anwendung des Dianxue das Wissen um den Sitz eines Energiepunktes sowie den gut abgehärteten Händen allein nicht ausreichend. Der Erfolg ist vielmehr abhängig von der Art des Schlages, von der Kombination mehrerer Punkte oder auch von äußeren Einflüssen wie der Tages- oder Jahreszeit. In der Stimulationsmethode unterscheidet man das Verfahren des "Einschränkens" (Jie), des "Anfassens" (Na), des "Erhaschens" (Zhua) und des "Verschließens" (Bi). Das Verfahren des "Einschränkens" besteht in der Einwirkung auf die Punkte der Netzleitbahnen (Lou), was den Blutkreislauf unterbricht und über einen bestimmten Zeitraum hinaus zum Tod führen kann. Das "Anfassen" stoppt den Qi-Fluss auf den Hauptmeridianen und führt zu einem Vitalitätsverlust. Das "Erhaschen" bezeichnet einen Angriff auf die Vitalpunkte in den Gelenkverbindungen und bewirkt den gänzlichen Verlust des Willens. Das "Verschließen" eines Punktes kann zur Bewusstlosigkeit oder sogar zum Tod führen. Entsprechend der Art, in der diese Punkte behandelt werden, können die Stimulationen schädigend oder gesundheitsfördernd sein.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass eine Schockwelle zum Herzen gelangt, wenn ein Vitalpunkt negativ beeinflusst wird. Auf diese Weise kann der Herzrhythmus gestört werden, denn die Schockwelle vibriert um das Herz herum und kann zum tödlichen Herzschlag führen. Dieser tritt in manchen Fällen erst Wochen nach dem Angriff ein. In der traditionellen chinesischen Medizin wird die verheerende Wirkung des Dim-Mak damit erklärt, dass die Anwendung dieser Technik den Qi-Fluss des Gegners vollkommen blockiert. Entscheidend ist hierbei die Parallele zwischen dem Fluss der inneren Energie und der Elektrizität. Denn wie der Stromfluss bewegt sich auch der Qi-Fluss zwischen zwei (gegensätzlichen) Polen, nämlich zwischen Yin und Yang. Zudem bewegt sich das Qi wie ein Stromkreis im menschlichen Körper. Deshalb kann man sagen, dass ein Vitalpunktangriff eine Art elektrischen
(Qi-) Schlag beim Gegner auslösen kann.

Zum Beispiel gibt es an der Rückseite des Kopfes einen "Gefahrenpunkt", der Naohou ("Gehirntür"; 17.Punkt des Dumai) genannt wird. Dieser Punkt liegt im Nackenbereich auf der Mittellinie des Kopfes unter dem Hinterhauptsbein. Im Falle eines starken Angriffs kann eine Verletzung dieses Punktes tödlich sein. Denn die Nerven, die ins Rückenmark ziehen, können durchtrennt werden. Ein leichter Angriff hingegen kann zur Bewusstlosigkeit führen. Doch nicht nur am Kopf liegen zahlreiche "Todespunkte", sondern auch am Rumpf und an den vier Gliedern befinden sich viele Gefahrenpunkte. Als Beispiel wäre in diesem Zusammenhang Yingchuang ("Brustfenster"; 16.Punkt des Magenmeridians) zu nennen, der im dritten Rippenzwischenraum über der Brustwarze liegt. Zur linken Seite kann ein harter Schlag auf diesen Punkt zum Herzstillstand und zum Tod führen. Ein leichter Schlag kann eine Ohnmacht herbeiführen. Ein Treffer auf die rechte Seite verursacht für längere Zeit ein starkes Husten. Auch ein Angriff auf den bekannten Akupunkturpunkt Hoku ("Geschlossenes Tor"; 4.Punkt des Dickdarmmeridians), kann Herz, Lunge und Dickdarm stark beeinträchtigen und tödlich sein. Der Schlag auf einen Vitalpunkt muss jedoch nicht immer stark sein, um eine verheerende Wirkung auszuüben. Ein kleiner Schlag auf bestimmte Stellen des menschlichen Körpers genügt oft, um feine Äderchen platzen zu lassen. Dabei muss der Schlag noch nicht einmal schmerzhaft sein. Durch den ansteigenden Druck in den Gefäßen können auch größere Adern platzen und dadurch die Organe in Mitleidenschaft ziehen.

Abschließend kann man sagen, dass die Anwendung des Reizpunktkonzeptes in der Kampfkunst von immenser Bedeutung war, da dadurch nicht nur das Repertoire spezieller Techniken erweitert, sondern auch ein neuer Grad des effektiven Tötens erzielt wurde. Hierbei trug die fruchtbare Verknüpfung von Kampfkunst und Medizin nicht unwesentlich zur Mystifizierung und Mythologisierung des Wushu bei. Insbesondere brachte man Kampfkunst betreibende Mönche, Einsiedler, Gelehrte, Exorzisten und Heiler deshalb auch mit Magie und Alchimie in Verbindung. So gelangten viele Kämpfer, unter Ausnutzung eines allgemein nicht zugänglichen Wissens, in den Ruf übernatürlicher Fähigkeiten. Das geheime Wissen über die Vitalpunkte wurde aber auch deshalb mit Zauberei in Zusammenhang gebracht, da jeder Meister im Dianxue in der Lage gewesen ist, die Schäden, die er angerichtet hat, durch gezielte Massage von Energiepunkten wieder rückgängig zu machen. Daher heißt es auch oft sinngemäß in älteren Werken über die gefährliche Kunst des Dim-Mak: "Wenn man fähig ist, Menschen zu töten, muss man auch fähig sein, sie zu heilen."

Quellen:
Baker, John Raymond. The Truth About The Death Touch.
Scientific Evidence Proves Dim Mak Exists. In: Black Belt Magazine, Juni 1990, S. 36-39.

Die Geschichte des Dim-Mak. http://www.argedon.de/.
Die verbotenen Vitalpunkte. http://www.argedon.de/.

McCarthy, Patrick. The Bible of Karate: Bubishi. Rutland 1997.

Die verbotenen Vitalpunkte. http://www.argedon.de/.

Xu Ke. Qingbaileichao, Klassifizierte Prosasammlung der Qing-Zeit, Zhonghua Shuju. Beijing 1986.

© Sirinya Pakditawan
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