Startseite
Artikel/Berichte
Lexikon
Autoren
Wir über uns
Kung-Fu Kino
WebMag Cover
Termine
Links
Impressum
Kontakt

Wing Chun Training

Gestern und Heute



Nach oben

Oft stellt sich die Frage, in welcher Weise sich das Vermitteln des Wing Chun Kung-Fu in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Diese Frage findet sich nicht nur immer wieder in Diskussionsforen, sondern wird auch mir, wie wohl jedem anderen Wing Chun Trainer, von meinen Schülern gestellt. In den meisten Fällen besteht noch nicht einmal Interesse daran, welche Unterschiede sich in den Jahrhunderten ergeben haben, sondern welche Vermittlungsunterschiede zu meinem Lehrer oder zu Si-Gung Yip Man bestehen. Jeder Kampfkunst betreibende kann stilunabhängig feststellen, dass eine Kampfkunst immer eng mit dem Lehrer verbunden ist, der diese vermittelt. Nachvollziehen kann man dies, wenn man an die unterschiedlichen Lehrercharaktere denkt, die man in seiner Schulzeit erlebt hat.

Auch mich hat diese Frage immer beschäftigt und ich habe diesbezüglich bei meinem Sifu Lo Man Kam und auch bei anderen Schülern Yip Mans des Öfteren nachgefragt. Dabei ist mir aufgefallen, dass es schwer sein dürfte, den Unterricht von Si-Gung Yip Man genau zu definieren. Letztlich entsteht das Bild, dass die verschiedenen Schüler Yip Mans von ihm haben nicht nur durch ihre persönliche Beziehung zu ihm, sondern auch durch die Zeit in der sie seine Schule (Schulen) besuchten, die zu dieser Zeit trainierenden Mitschüler, die Anzahl der Mitschüler, die Trainingsumstände in der jeweiligen Schule und die Zeit, die sie selbst in der Schule verbrachten. Sicher haben die Schüler der ersten Generation völlig andere Eindrücke gewinnen können, als Schüler die später bei Yip Man Unterricht genießen konnten.

Sifu Lo Man Kam berichtet mir, dass er bereits erste Unterweisungen von seinem Onkel erhalten hat, als er noch in Foshan lebte. Zur damaligen Zeit war er ein kleiner Junge und lebte mit seiner Mutter, der Schwester von Yip Man auf einem Hof, wo auch sein Onkel einen Gebäudeteil bewohnte. Solche Eindrücke und Erlebnisse lassen sich sicher nicht mehr mit der Zeit in Hongkong vergleichen, in der Sifu Lo Man Kam begann das Wing Chun System unter seinem Onkel ernsthaft zu erlernen.

In Gesprächen mit anderen Yip Man Schülern werden auch andere Umstände erwähnt, die ein Training prägen. So berichtet Sifu Wang Kiu immer wieder, dass zu seiner Zeit noch keine Holzpuppe in der Schule Yip Mans vorhanden war. Er erzählte mir, dass er seinen ersten Satz der Holzpuppe an einem Nachmittag in einem Teehaus erlernte, dass er mit Si-Gung Yip Man besuchte. Dieser habe zu ihm gesagt, er würde den ersten Satz der Holzpuppe nun erlernen. Die beiden saßen sich gegenüber, Yip Man hatte die Beine untergeschlagen und forderte ihn auf seinen Bewegungen in der Luft zu folgen wie einem Spiegelbild. So erlernte Sifu Wang Kiu die ersten zehn Bewegungen der Holzpuppenform. Auch im Training hätten die Schüler dieses so praktiziert und die Bewegungen einfach in der Luft ausgeführt. Einige Schüler trainierten zusammen und nutzten ihren Trainingspartner als "Living Dummy". Sifu Wang Kiu nutzt diese Trainingsform noch heute, da er sagt, dass man in den meisten Wing Chun Schulen heutzutage so viele Schüler unterrichtet, dass es sinnvoll erscheint, die Holzpuppenform mit einem Partner zu erlernen, da in den Schulen meist ja nur eine Holzpuppe vorhanden sei.

Hier kann man deutlich sehen, dass eigene Trainingserlebnisse das Training eines Lehrers entscheidend prägen. Man wird also in jedem Yip Man Schüler ein Stück des Unterrichtsstils von Yip Man wieder finden. Sifu Lo Man Kam legt in seinem Unterricht besonders viel Wert auf die Genauigkeit in den Bewegungen. Er sagt, dass die Armwinkel, die man in den Formen erlernt, stimmen müssen, da sie die Grundlage für alles Weitere seien. Er betont, dass im Chi Sao deutlich zu sehen und natürlich auch zu fühlen ist, ob ein Schüler die Winkel der Form verstanden hat und in der Lage ist diese in der Bewegung auch auszuführen. Ich selbst habe in meinem Training mit Sifu Lo Man Kam feststellen müssen, dass vieles was ich bereits dachte erlernt zu haben, fehlerhaft war. Oft waren es gerade die Kleinigkeiten, die Genauigkeit der Armwinkel, die Höhe in der eine Technik ausgeführt werden muss, die eine Technik unfunktional werden ließ. Sifu sagte oft zu mir "Looks like Wing Chun, but is not Wing Chun".

Heute erscheint es mir verständlich, warum Sifu Lo Man Kam von seinen Schülern verlangt sein Kung-Fu von Beginn an zu erlernen. Anfangs konnte ich nicht verstehen, warum wir Stunden um Stunden die erste Form üben mussten, obwohl wir dachten, diese bereits erlernt zu haben. Gerade dadurch ist mir erst die Bedeutung der Siu Lim Tao bewusst geworden. Sifu Lo sagte mir einmal, dass ein begnadeter Kampfkünstler, der die Siu Lim Tao in seiner ganzen Bedeutung erfasst habe, ein fast unbezwingbarer Gegner sein könne. Deshalb lege auch ich in meinem Unterricht Wert darauf, dass die Schüler sich im Unterricht immer die Zeit nehmen die erste Form mehrmals zu trainieren, auch wenn sie im System bereits so weit fortgeschritten sind, dass sie die nächsten Handformen oder die Holzpuppe erlernt haben.

So beeinflusst das Training mit meinem Sifu natürlich meine Unterrichtsmethode. Ich versuche meinen Schülern das zu vermitteln, was ich am Unterricht meines Sifus so sehr schätze. Auch jeder andere Wing Chun Lehrer gibt so immer Teile des Unterrichts weiter, den er selbst genossen hat. Es ist zu hoffen, dass Trainer und Lehrer viele Dinge unverfälscht weitergeben, um über die Generationen möglichst viel Wissen und Einflüsse des Mannes zu erhalten, auf den sich die meisten Wing Chun Betreibenden weltweit beziehen. Das Einzige, was man wohl in der westlichen Welt niemals erwarten kann, ist die Geduld, die Ruhe und das Vertrauen der Schüler in Taiwan und China. Das Vertrauen darauf, dass ihr Lehrer ihnen immer das zeigt, was sie für ihr Kung-Fu trainieren müssen und sie dies ohne Fragen so lange tun, bis ihr Sifu den nächsten Schritt für sinnvoll erachtet.

© Marc Debus
Lo Man Kam Wing Chun



Nach oben

Bak Hok Kuen - Wie finde ich den richtigen Stil? Willkommen Wushu oder Kung-Fu? Zhong - Interview Gordon Liu Interview Lam Chun Fai Baak Mei Kuen - Bang Bo Kuen - Traditionen Interview Lau Kar Yung Kung-Fu Ching Li - Interview Lee Kam Wing Interview Gordon Lu Dianxue - Die Geschichte Die größe Shaolins Die Techniken Di Tang Shu - Formen Die vier Säulen Interview Wang Kiu Bewegen wie die Tiere Tui Na Wunderelixiere Zhen Jiu - Geheimbünde Chinesische Kalligrafie Wu De - Kung-Fu Show - Löwen Motivation Training in Taipeh Basistraining des Hung Gar Sanda in Deutschland Peking Oper Bai Si Lai - Shaolin Kung-Fu - Traditionelle chinesische Medizin Kräuter und Extrakte Ahnenkult in China Asiens Beobachtungen Der chinesische Löwentanz Faszination Reisebericht Chow Gar Kuen - Gun - Hau Wan - Tang Lung Cheung - Dang - Flexible Waffen Schwert und Säbel Waffen im Kung-Fu Streitäxte - Long Quan Schwerter Formentraining Stahlringe Ying Jow Pai - Anqi - Fong Tik Gik - Shuang Gou - Wu Dip Do - Miao Dao - Lee Koon Hung Lo Guang Yu 29. Dacascos Championship Lau Jaam Lam Sai Wing Luk Dim Boon Gwun - Miu Hin Hung Kuen Kampfkunst und Selbstverteidigung She Quan - Shi San Shi - Taijiquan als Kampfkunst Wing Chun Training Tai Shing Pek Kwar Moon Fu Lung Pai Kung-Fu Fut Gar Kuen Hung Fut Kuen - Kampftraining Jian - Mai Gei Wong Wing Chun Chinesische Lanzen Shaolin Quan Kung-Fu Kung-Fu Training - Theorie des Kampfes - Töne und Laute Wing Chun Holzpuppe - Wing Chun Trainingsaufbau Wun Hop Kuen Do Wushu Dan System Zui Quan - Lam Ga Hung Kuen Kräfte im Taijiquan